Wenn Dialog Wurzeln schlägt

Dass heute so selbstverständlich gemeinsam gefeiert wird, hat eine lange Vorgeschichte. Ihre Wurzeln reichen bis in die Friedensarbeit des Grazer Friedensbüros unter Leitung von Dr. Karl Kumpfmüller mit Sarajevo während des Bosnienkrieges zurück. Schon damals wurden Grundsätze für ein friedliches Zusammenleben in religiöser und kultureller Vielfalt formuliert: einander zuhören, die Identität des anderen achten und auch über Grenzen hinweg im Gespräch bleiben. Aus diesen Erfahrungen entstanden in Graz eine interreligiöse Arbeitsgruppe, 2003 die Kulturhauptstadt-Konferenz „Interreligiöses Europa“ und schließlich 2006 der Interreligiöse Beirat. Viele dieser frühen Gedanken finden sich auch in der Grazer Erklärung zum Interreligiösen Dialog wieder, die 2013 im Zuge der internationalen Konferenz ComUnitySpirit gemeinsam erarbeitet wurde. Zu dieser Zeit etablierte sich auch die gleichnamige Koordinationsstelle geführt von Eva Wenig am Afro-Asiatischen Institut in Graz.
Heute zeigt sich der Wert dieses gewachsenen Vertrauens dann, wenn es darauf ankommt: Wird eine Religionsgemeinschaft mit Gewalt oder Vandalismus konfrontiert, stehen die anderen solidarisch an ihrer Seite. Nach dem schrecklichen Amoklauf in Graz übernahm der Interreligiöse Beirat die Gestaltung des interreligiösen Gebets bei der Trauerveranstaltung der Stadt Graz. Dialog lebt ebenso von den schönen Momenten: Der Beirat schafft Räume, in denen Menschen Religionen und unterschiedliche Formen von Spiritualität kennenlernen, bringt Mitglieder der Gemeinden für gemeinsame Projekte zusammen und lädt immer wieder zur Begegnung ein – wie auch am Tag der Religionen.
Am Sonntag war diese Offenheit erlebbar: Am Nachmittag öffneten 15 Religions- und Bekenntnisgemeinschaften an 11 Standorten ihre Türen. Besucher konnten unter anderem eine Synagoge und eine Moschee besuchen, christliche Kirchen erkunden und buddhistische Tradition und Spiritualität kennenlernen. Dabei gab es Gelegenheit, Fragen zu stellen, religiöse Praxis unmittelbar zu erleben und mit Mitgliedern der Gemeinschaften ins Gespräch zu kommen. Um 17 Uhr trafen sich schließlich alle zur gemeinsamen Abschlussveranstaltung beim Lebensbaum im Volksgarten. Dass Menschen verschiedener Religionen nach einem Nachmittag in ihren jeweils eigenen Gotteshäusern am Ende gemeinsam unter einem Baum zusammenkommen, ist vielleicht das schönste Bild für das, was interreligiöser Dialog sein kann: in der eigenen Tradition verwurzelt sein und einander dennoch begegnen.